Zeit ist relativ

… heilt aber nicht alle Wunden. Es sind die Be- und Entschleunigungen, welche diese Existenz so einzigartig erscheinen lassen.

Melde: Vollzug. 🙂 Noch vor meinem Kurztrip nach Südeuropa Ende September hatte ich es doch tatsächlich geschafft, Buchhaltung und Steuererklärungen für drei Jahre anzufertigen — es bildete sich doch glattweg ein Überbein an der Mouse-Hand —, das Ganze einzutüten und beim Finanzamt abzugeben. Also rund zwei Monate, nachdem dies auch Not tat (lies hier). Im Zuge dessen schaffte ich es sogar, alle schon längst stellbaren Rechnungen zu schreiben.

Und heute? Wow. Die Bescheide trafen ein. Ganz überraschend stellte das Finanzamt fest, dass ich das zu zahlen hatte, das ich auch ermittelt habe und — traraaa! — korrigierte die Schätzung 2014 zu meinen Gunsten. Dabei ging es um eine für mich zurzeit beträchtliche Summe. 🙂

Langsam werde ich wieder Gestalter meiner Existenz

Ich merke, dass die Kräfte zurückkehren. Alles kann ich anpacken, das monatelang, manches gar über Jahre, liegen blieb. Das klingt erst mal nach »Herzlichen Glückwunsch! Du hast es geschafft« doch ich bleibe wachsam und trau der Harmonie noch nicht recht. Zu vieles ist liegen geblieben in den Jahren der Starre. Es sind immerhin schon fünf. In all der Zeit zeigte sich vor allem eine Behinderung, die der Entscheidung.

Aber da gibt es noch was: die Konzentrationsstörung. In den letzten Tagen bekam ich eine Konfusion in meinem Terminkalender nicht geregelt. Ich beschloss die LETHi-Strategie (erst mal Ruhe) und siehe da: heute erkannte ich, dass sich die Termine berührten, aber dennoch in der Abwicklung nicht unmöglich sind. Wie gut, dass ich es nicht mit meinem Kunden erörtert habe …

Vielleicht liegt ein Schlüssel zur Heilung darin, Geduld zu haben, eine Tugend, die so selten ist in unserer hektischen Zeit der Ablenkung und der Unverbindlichkeit?

»Depressive spüren den Boden nicht mehr«

So zitierte meine Mutter heute eine Reportage, die sie über Depression gesehen hatte. Ich vermute mal, sie meint das Phänomen des Bodens, der unter den Füßen weg gleitet, weniger das Fliegen. Etwas erstaunt schaute ich sie an und wusste nicht, was zu antworten ist. »Ich fliege nicht« sagte ich und ließ sie erstaunt stehen.

Allerdings »Erdung« ist etwas, das mir total wichtig ist und früher schon wichtig war. Gartenarbeit, Natur, Stille, Zeit mit mir. Durch immer mehr Arbeit und auch ehrenamtliche Verstrickungen fehlte mir zum Schluss diese Zeit; ich war be-schleunigt. Ja, Mutter Erde konnte ich nicht mehr spüren, saß ich nur im Flieger, im Auto, in Meetings, in klimatisierten Räumen und nächtens im Büro.

Im Kurzurlaub lief ich viel Barfuß (bei 30°C Ende September keine Kunst). Das tat gut. Und, zu Hause angekommen, kaufte ich gleich drei Bücher, die ich am letzten Wochenende verschlang bzw. begann. Das aktuelle lautet:

Die neue Psychologie der Zeit
und wie sie Ihr Leben verändern wird
von
Philip Zimbardo und John Boyd

Ich ahne: ein Schritt mehr hin zur Erdung, zur Ent-Schleunigung.

Der Sinn dieses Ausflugs …

Von diesem Buch habe ich bislang ein Drittel durch. Viele Dinge kannte ich bereits; allerdings gehören psychologische Momente und natürlich auch die Theorie zu meinem Berufsfeld, der Rolle, in welcher ich unter anderem auch Geld verdiene. Doch einmal mehr wird mir klar, dass auch die LETHi ihren Sinn hat, und zwar einen guten, geradezu liebevollen: Sie erinnert mich daran, warum wir sind, wer wir sind, und dass es nicht Rollen sind, die es zu erfüllen gilt, sondern einzig und allein das innere Gleichgewicht und den Einklang mit allem, was ist. Just be ❤
… und das fantastische ist, dass sich diese Zeit ganz anders anfühlt: erfüllt, und einfach voller bewusster Momente im Jetzt.
Unmittelbar vor dem Zusammenbruch war mein Tag wie ein Werbespot, heute ist er wie ein ganzer Spielfilm; so ungefähr ist das Verhältnis. Und ich erinnere mich wieder an die Zeiten, als es so entschleunigt war, so bis ich 25 Jahre war. Danach begann das Karussell sich schneller zu drehen, Jahr für Jahr ein Stück.

Hach, und wenn du Dienstag überstehst, ist Wochenteiler,
die Chaostante.

LETHi-Faktor

LETHi-Faktor 1 (super) – 10 (OMG): 2 (-)
Ich war doch etwas schockiert, dass mich die Terminkonfusion geradezu in eine autistische Reaktion brachte.

3 Kommentare zu „Zeit ist relativ“

  1. Klingt nach dem aufsteigenden Ast, du hast richtig viel geschafft. Ja, fliegen kann man das depressiv sein wirklich nicht nennen doch das mit dem Boden finde ich ganz treffend.

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